Andalusien: Kampf der Kulturen

Andalusien: Kampf der Kulturen
Presseartikel: “Kampf der Kulturen ”
Sie traktieren sich wie zwei Boxer: Im Ringen um den Titel der Kulturhauptstadt Europas ist zwischen Córdoba und Málaga ein erbitterter Wettstreit ausgebrochen. Mit Millioneninvestitionen polieren die beiden südspanischen Städte ihr Kulturleben auf - der Tourismus profitiert davon.
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ANDALUSIEN
Kampf der Kulturen

Sie traktieren sich wie zwei Boxer: Im Ringen um den Titel der Kulturhauptstadt Europas ist zwischen Córdoba und Málaga ein erbitterter Wettstreit ausgebrochen. Mit Millioneninvestitionen polieren die beiden südspanischen Städte ihr Kulturleben auf - der Tourismus profitiert davon.
Bei Fernando Vacas, Musiker, Barbesitzer und Urgestein aus Andalusiens Provinzhauptstadt Córdoba, ist die Goldgräberstimmung ausgebrochen. "Wer es jetzt in Córdoba nicht schafft, kulturelle Projekte anzuleiern, der bringt es nie zu etwas", begeistert er sich über die neue Freigiebigkeit seiner Heimatstadt. Denn Córdoba finanziert derzeit die erste Ausgabe eines Kulturaustauschs mit Lissabon. Vor wenigen Wochen waren die Portugiesen zu Besuch in Córdoba, rezitierten Gedichte, spielten Popsongs und kehrten schließlich in Vacas Bar ein. Im Januar wird Fernando Vacas Band "Flow" dann mit anderen Kulturschaffenden Córdobas in der portugiesischen Hauptstadt ihr Gastspiel haben.

Der Hippster mit der schwarzen Brille und die Stadtverwaltung, der Sponsor des Events, sind gleichermaßen voneinander entzückt. Die Stadt braucht im Augenblick kulturell umtriebige Typen wie Vacas mehr denn je und unterstützt deren kulturelle Projekte großzügig. Denn auch wenn es noch acht Jahre dauert, bis in Spanien der Titel "Europäische Kulturhauptstadt für das Jahr 2016" vergeben wird - schon jetzt ist zwischen den potentiellen Kandidaten ein erbitterter Wettstreit entbrannt. Neben Córdoba haben inzwischen auch Málaga, Caceres, Tarragona, Teneriffa, Zaragoza und Valencia ihr Interesse angemeldet. Vor allem die beiden Nachbarstädte Córdoba und Málaga liefern sich einen heißen Kampf um den Titel. Der Ausgang ist ungewiss, aber von den enormen Investitionen in die Kultur profitieren jetzt schon Touristen und lokale Künstlergruppen.

Von Kooperation wollen beide Städte nichts wissen
Seit die Billigflieger nicht mehr nur europäische Ziele im Angebot haben und der Euro auch Spanien in ein teures Urlaubsland verwandelt hat, suchen die andalusischen Tourismusstrategen hektisch nach neuen Wegen, die so bitter benötigten Urlauber nicht an Konkurrenten wie Thailand oder Tunesien zu verlieren. Sie setzen verstärkt auf die krisensicheren "Baedecker-Touristen", die nicht nur Sangría, Sonne und Sand im Kopf haben. Und was lockt solche Besucher an? Richtig, die Kultur. Das erklärte Ziel von Málaga und Córdoba daher: Touristen, die bislang eher die Akropolis besichtigen, anstatt an Südspaniens Küsten zu urlauben, mit einem verstärkten Kulturangebot in ihre Städte zu locken.
Die Hüte sind in den Ring geworfen. "Wir wollen uns aus dem Schatten von Málaga und Sevilla befreien und glauben, dass der Titel uns helfen wird, zu zeigen was wir können", meint Manuel Pérez Pérez, Ex-Bürgermeister von Córdoba und jetzt Leiter des Planungsstabes Córdoba 2016.
"Wir haben uns der Herausforderung gestellt, auch für Kulturtouristen ein international bekanntes Reiseziel zu werden", sagt Diego Maldonado, der visionäre Kulturbürgermeister Málagas. Von Kooperation wollen die beiden Städte nichts wissen. Jede will den begehrten Titel für sich alleine in Anspruch nehmen. "Wenn sich Málaga dazu entschließen würde, unsere Kandidatur zu unterstützen, wären wir begeistert", merkt Manuel Pérez süffisant an. Im Laufe der kommenden Jahre werden sich Córdoba und Málaga daher unabhängig voneinander mit kulturellen Schmankerln auf den großen Titelkampf vorbereiten.

"Speerspitze einer neuen Wissensgesellschaft"
Córdoba hat dafür bereits, was sich Málaga erst schaffen muss: Eine kulturelle Identität. Hier hatten die Mauren und Römer bei ihren Vorstößen auf die spanische Halbinsel ihre jeweilige Hauptstadt errichtet. Hier lebten im 10. Jahrhundert nach Christus knapp eine Million Menschen. Hier steht die Mezquita, die älteste und größte Moschee Europas. Und das alte jüdische Viertel ist Unesco-Weltkulturerbe.
Aber Kultur in Málaga? Andalusiens Tourismusmetropole war bislang eher für frittierten Fisch, Sonne und Strand als für seine Museen bekannt. Schlimmer noch: Vor einer Dekade war Málaga das hässliche Entlein von Andalusiens Ferienhochburg Costa del Sol. Die Touristen mieden die als gefährlich und schmutzig geltende Hafenstadt und ließen sich lieber in Torremolinos, Marbella oder Torrox die Sonne auf den Bauch scheinen. Doch der Imagewandel ist bereits eingeläutet. Málagas neuer Strategieplan mit dem pompösen Titel "die Metropole, die auf das Meer hinaus schaut, Picassos Málaga, kulturell und attraktiv, die Speerspitze einer neuen Wissensgesellschaft" soll der Stadt bis 2015 ein vollkommen neues Gesicht geben.
Einiges hat sich schon getan. Auf der Suche nach einer unverwechselbaren Identität erinnert sich Málaga nunmehr seiner Wurzeln als römische und später arabische Hafenstadt, über der die maurische Burg Alcazaba thront. Das Zentrum mit seinen alten Villen, das vor Jahren noch selbst von den Malagueños gemieden wurde, erstrahlt heute in neuem Glanz. Die schick mit Marmor gepflasterte Fußgängerzone Alameda Principal lockt mit eleganten Geschäften, und das bislang eher triste Hafenviertel soll in den kommenden Jahren in eine neue Ausgehmeile verwandelt werden. Auch der berühmteste Sohn der Stadt wird inzwischen gebührend geehrt: Das mit enormen Kosten aufgebaute Museo Picasso und das Museum im Geburtshaus des Malers ziehen bereits die Massen an.

Das Sahnehäubchen für die touristische Neuausrichtung
Der Ausbau geht weiter. Laut Plan soll der historische Stadtkern in ein "Mega-Museum" verwandelt werden. In den nächsten Jahren will sich Málaga mit 13 neuen Dauerausstellungen selbst beschenken. Dazu kommen der Ausbau des Flughafens und die Verbesserung der Infrastruktur. Geht alles nach Plan, wird sich das Entlein in zehn Jahren endgültig in einen Schwan verwandelt haben. Der Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2016" wäre das Sahnehäubchen, mit dem die Stadt ihre ohnehin notwendige touristische Neuausrichtung gebührend feiern könnte. Mit welchem Konzept man in den Titelkampf gehen will, darüber hat man sich in Málaga noch wenig konkrete Gedanken gemacht. "Wir werden unsere kulturellen Leitthemen von den großen Fragestellungen ableiten, die über kurz oder lang in Europa wichtig werden", meint Diego Máldonado blumig.
Im lediglich zwei Autostunden entfernten Córdoba ist das Vorbereitungskomitee schon etwas weiter mit der Planung. Hier hat man vor wenigen Wochen als erste spanische Stadt offiziell die Kandidatur bekannt gegeben. Zwar putzt sich auch Córdoba fein heraus. Die römische Brücke, die sich über den Fluss Guadalquivir spannt, wird gerade komplett restauriert, genauso wie Teile der Moschee. Aber neben den Bauvorhaben setzt das Vorbereitungskomitee bereits jetzt auf kontinuierliche Kulturarbeit mit Blick auf 2016. "Bevor wir ein Gebäude bauen, wollen wir etwas haben, womit wir es füllen können", bringt Manuel Pérez Pérez die Philosophie der Stadt auf den Punkt.

"Dieses Mal wollen wir alles richtig machen"
Der Stadt bleibt auch gar nichts anderes übrig. Von den Milliarden, die Málaga gerade in Museen und Infrastruktur pumpt, kann man hier nur träumen. Córdoba will seine Millionen vor allem in ein Kultur-Konzept investieren, das auf "Zusammenkunft und Dialog" basiert, so Pérez. Das Festival für Gitarrenmusik, Poesie-Zusammenkünfte, ein europäisches Festival für Straßenkunst und ein internationales Festival für animierten Film gibt es schon. Weiteres soll hinzukommen. Lissabon ist ein erster Schritt im Kulturaustausch mit den Hauptstädten Europas. Weitere sollen im nächsten Jahr folgen. Berlin ist im Gespräch.

Diese kleineren Veranstaltungen sollen nach Pérez Vorstellung das Rückgrat der Bewerbung bilden: "Auch wenn es sicherlich wichtig sein wird, das eine oder andere Großereignis an Land zu ziehen, ist es doch entscheidend, dass wir Aktivitäten in unsere Agenda bringen, die primär mit unserer eigenen Tradition in Einklang stehen." Das klingt bescheiden, aber schon jetzt gibt Córdoba 1,3 Millionen Euro jährlich aus, um sich für den Wettbewerb gründlich vorzubereiten. "Wir wollten schon einmal Kulturhauptstadt werden. Doch damals, 1992, hat es nicht geklappt", erinnert sich Manuel Pérez Pérez. "Dieses Mal wollen wir eben alles richtig machen." Kulturschaffende wie Fernando Vacas wird dieser Kampfeswille freuen.

Quelle:  http://www.spiegel.de; 15.Januar 2007
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